KOSMOPOLIT
Gerd Dudenhöffer spielt Heinz Becker

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Großkariert ist nur Heinz Beckers Hemd

Von Andreas Falkinger - Chiemgau Online - 22.09.2010

Trostberg. Wissen Sie, was uns diese Milliarden-Rettungspakete kosten? Millionen. Milli-o-nen! Und wozu das Ganze? Wenn einer aus dem Flugzeug fällt, dann kann man dem noch so viele Fallschirme hinterherwerfen – das hilft dem nix mehr. Hinterher kann man ihn höchstens noch damit zudecken. Genau so ist das mit dieser Weltwirtschaftskrise und den Hilfspaketen. Der Mann auf dem Gartenstühlchen hat eine klare Meinung. Zu allem. Weil er die großen Zusammenhänge sieht. Der Kosmopolit.













Wer richtet größeren Schaden an – der Terrorist oder der Bankkaufmann? „Kosmopolit“ Dudenhöffer weiß es.
Foto: fal


Zusammenhänge, die sich von selbst erschließen, wenn man gewissenhaft seinen Stammtisch besucht, sein Vereinsleben und den Vorgarten pflegt. Heinz Becker lässt sich den Blick nicht verstellen von politischen Spiegelfechtereien und ökonomischem Krisenerklärungsgeschwurbel. Von der Wirkung direkt zur Ursache – das ist der Weg, den der Kabarettist Gerd Dudenhöffer seinen Protagonisten in äußerster Konsequenz gehen lässt – auf abenteuerlichen Abkürzungen, wenn’s sein muss. Und das muss fast immer sein. Ein Weg, der dem Zuschauer des öfteren das Lachen im Halse steckenbleiben lässt.

Da sitzt er also, der Heinz Becker. Das einzig Großkarierte an ihm ist sein Hemd. Er hat’s nicht leicht, der miefige Spießbürger. Als Ernährer der Familie ist es sein Job, den Überblick zu behalten über Familie und Freunde, Politik und Weltgeschichte. Und weil seine Frau, „‘s Hilde“, offenbar noch einfacher gestrickt ist als er, besteht einiger Erklärungsbedarf. Erklären kann er, der Heinz, sobald er etwas verstanden zu haben glaubt. Die Wirtschaftskrise hat er genau verstanden. Zu der ist es gekommen, weil die Bank Ihnen Geld geliehen hat, das sie nicht hatte und das sie sich von einer anderen Bank geliehen hat, die das Geld auch nicht hatte. So einfach ist das. Die Zeche zahlt natürlich, wie immer, der kleine Mann. Aber die kleine Frau schon auch. „De Leit“ zahlen’s – daher auch die Bezeichnung „Leitzins“.

Wie ist er gleich wieder aufs Thema Krise gekommen? Über den Vorgarten, ganz klar. Weil er ein Verlängerungskabel braucht, um seinen Mirabellenbaum zu beschneiden. Der Schwiegervater hätte damals eins in der Garage gehabt. Aber schon der hat gesagt, man müsse Geliehenes zurückgeben, wenn man es nicht mehr braucht. Wobei das beim Hilde nicht funktioniert hat. Wegen dem Stefan wahrscheinlich. Der ist sechs Monate nach der Hochzeit zur Welt gekommen. Dass da offenbar schon vor der Ehe was gelaufen ist, was dann aber für die Verwandt- und Nachbarschaft nur noch ganz schwer auszurechnen.

Aber was ist diese läppische familiäre Unordnung gegen das Chaos in der Welt? Gar nichts. Dieser Sextourismus beispielsweise, im Zuge dessen deutscheMänner nach Thailand oder Kuba reisen und dort Devisen lassen müssen. Und was tun die Ausländer? Die kommen zu uns und machen sich an die deutsche Frau heran, ohne dafür zu zahlen. Womöglich läuft das mit den Guantanamera-Häftlingen, die wir jetzt aufnehmen, auch so. Die schicken dann ihre Brut in Terroristenausbildungslager oder lassen sie eine Bankkaufmannlehre machen. Wer den größeren Schaden anrichtet? Man weiß es nicht.

„Wir bräuchten mal wieder einen, der für Ordnung sorgt.“ Da ist er, der Satz der dumpfbackigen Ewigvorgestrigen, mit denen sie die Lufthoheit über den Stammtischen verteidigen. Dudenhöffer löst die politisch unkorrekte Spannung, die dieser Satz bei politisch Korrekten auslöst, elegant auf: „Nicht wie Führer, äh, früher. Man müsste halt das Beste von damals nehmen.“ Ohne die Verkleidung und mit Menschenrechten. Er lötet die Büchse der Pandora, die er mit dem Dosenöffner aus der Spießbürgerküche aufgemacht hat, sofort wieder zu. „Ich kenn einen, der hat seinen Schäferhund Bedolf genannt…“

Mit Finesse geht Dudenhöffer Ressentiments und Vorurteile an, zieht sie ins Lächerliche und nimmt seine Figur dabei überhaupt nicht aus der Schusslinie. Ganz großes Kabarett. Dabei überzeugt er nicht nur textlich, sondern auch schauspielerisch. Es sind die kleinen Gesten: Wenn er anhebt etwas zu erklären, dann markiert er scheinbar logische Folgen mit kurzen Handkantenschlägen auf dem Oberschenkel. Kommt er zum Kern, beugt er sich vor, stützt sich auf den Oberschenkel und nickt bauernschlau-ernsthaftwissend. Und wenn er sich dann selbst überzeugt hat, lehnt er sich selbstzufrieden zurück. Das macht er so überzeugend, dass den Zuschauer bisweilen leise Zweifel beschleichen, ob der da oben das alles nicht doch ernst meint. Dudenhöffer schaut dem Volk aufs Maul – und dem Volk bleibt nur übrig zu hoffen, dass der Kabarettist krass überzeichnet. Denn wär alles so, wie’s der Becker sieht, dann wäre der Weltenlauf tatsächlich vorgezeichnet: „Wenn der Mensch so weitermacht, dann richtet er die Welt zugrunde – aber als Nichtraucher.“


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